Mein Bericht über den Jakobsweg

Die ewige Frage: Warum das alles?




Nach sechs Monaten voller Vorfreude, Aufregung und dem Lesen vieler Erfahrungsberichte, war es soweit. Anna und ich hatten unsere Rucksäcke gepackt und die Wanderschuhe geschnürt um uns auf den Weg

zu machen – den Jakobsweg.

Ohne zu wissen warum wir das tun und ohne zu wissen, ob wir eine Antwort darauf bekommen würden.

Tag 1 und jetzt schon Tränen?

Nachdem wir unsere Pilgerausweise und unsere Jakobsmuscheln bekommen hatten, schliefen wir in unserer ersten Pilgerherberge in dem wunderschönen Örtchen St Jean Pied de Port in Südfrankreich. 

Von hier aus starteten wir, um die Pyrenäen zu überqueren.

Geplant war ursprünglich auf dem Weg nach oben zu übernachten, da wir hörten der Auf – und Abstieg soll in einer Etappe sehr hart sein. Da uns jedoch der Geiz-die Herberge dort, sollte 15 bzw. 20 Euro die Nacht kosten, was für eine Pilgerherberge sehr teuer war-und vielleicht auch etwas der Ehrgeiz packte, entschieden wir es durchzuziehen. 

Schon in diesem ersten Stück kamen bei mir Zweifel auf. Ich war körperlich am Ende: es war so steil und anstrengend für mich. Anna lief ein Stück vor mir, sie war nur 3 Wochen vor unserem Start auf dem Everest Base Camp gewesen und somit, im Gegensatz zu mir, das Laufen als auch ihren Rucksack gewöhnt. Ich kämpfte mit den Tränen und dachte nur, wenn es so weiter geht, schaffe ich das nie. Ich wollte nicht weinen, nicht am ersten Tag. Es kamen so viele Faktoren zusammen: ich musste mich an den Rucksack gewöhnen, wir hatten weder gefrühstückt noch etwas zu essen dabei und es war kalt und nebelig. 

Immer wieder motivierte ich mich selbst. Und endlich war ein Haus zu sehen. Wir konnten etwas essen! Es war vollkommen überteuert, doch wenn man vor Anstrengung und Hunger zittert, ist einem das Geld ganz schnell egal. Gestärkt und mit neuer Motivation bestückt, konnte es also weiter gehen. Es fühlte sich an, als liefen wir ewig und immer bergauf. Das wohl schlimmste an diesem Tag war aber der Nebel. Vermutlich hätten wir die schönste Aussicht aller Zeiten gehabt, doch wir sahen kaum unsere Hand vor Augen. 

Nach einer Weile trafen wir zwei Pilgerinnen und kamen ins Gespräch. Durch eine von ihnen hörten wir die erlösenden Worte: „ Ihr habt das schlimmste geschafft! „. Wir konnten es kaum glauben. Doch die Tatsache, dass sie den Weg schon mehrfach gegangen war, machte sie sehr glaubwürdig. Wir waren so erleichtert, dass wir trällerten und voller Motivation weiter liefen. 

Nach einem weiteren Stück, in dem wir durch Märchenwälder und Schlammwege liefen, hatten wir es geschafft. Wir waren tatsächlich oben angekommen und sahen nichts, es war immer noch starker Nebel. Doch unsere Freude war so groß, dass wir erst einmal laut schreien mussten. 

Jetzt hieß es nur noch Berg ab. Nur noch? Wer öfters einmal Wandern geht weiß, bergab kann schlimmer als bergauf sein. Und so war es auch. Es war steinig, steil und rutschig. 

Doch dann, waren wir endlich unten angekommen.Neun stunden und 27 Kilometer lagen hinter uns. Ich konnte nicht mehr. Wir checkten in die Herberge ein und bekamen endlich unsere ersehnte Dusche, etwas zu essen ( wenn auch nur aus einem Automaten) und ein Bett. Ich fühlte mich wie eine Hundertjährige und schlurfte nur noch durch die Gänge der Herberge. Und am nächsten Morgen würde es schon weiter gehen ... 

  

Unser Pilgeralltag

Die nächsten Tage liefen besser. Wohl auch weil die Etappen nach der Pyrenäenüberquerung weitaus flacher waren. Irgendwann verabschiedete sich der Muskelkater und auch unsere Organisation wurde immer besser. So langsam schlich sich  -  wenn man es so nennen will - ein Alltag ein.

Wir starteten meistens zwischen sieben und acht Uhr. Wir packten unsere Rucksäcke, klebten die Blasen ab und cremten unsere Haut mit Sonnenschutz ein. Dann liefen wir los und folgten immer den gelben Pfeilen und Muscheln. Nach ungefähr einer Stunde Laufzeit suchten wir uns ein schönes Plätzchen und machten eine kleine Frühstückspause. Wenn man schon ein paar Tage gelaufen ist, merkt man irgendwann, wann man seine Pausen brauchte. 

Meistens ging es dann mit einer Banane und einem Schokoriegel im Bauch weiter.  Anna und ich hatten nur sehr selten das gleiche Lauftempo. Meistens lief sie ein Stück vor mir und wartete dann immer an bestimmten Punkten auf mich. Aber das war nicht schlimm, denn irgendwann hat man sich sowieso nichts mehr zu sagen, wenn man 24 stunden miteinander verbringt. Und erst recht wenn man sich schon fast zwanzig Jahre kennt. So stand viel Zeit zum Nachdenken zur Verfügung. Sehr viel Zeit! 

Wenn uns dann wieder der Hunger packte, war es Zeit für die nächste Pause. Größtenteils hatten wir unser Mittagessen dabei, dass war kostengünstiger und schneller zur Hand. Wir suchten uns  einen schönen Platz um unser Strandtuch auszubreiten und in Ruhe zu picknicken. Manchmal machten wir  unsere Siesta zwei Stunden lang . Wir haben gegessen, gelesen und ein wenig im Schatten gedöst.

Danach liefen wir weiter, bis zu unserer Herberge,welche wir zuvor aus unserem Reiseführer ausgesucht hatten. Dabei suchten wir meist nach der Günstigsten oder nach alternativen Herbergen. Diese wurden entweder von

Althippies oder Aussteigern betrieben, die ihre eigenen Wohnhäuser zu Herbergen machten. Sie waren sehr liebevoll und heimisch eingerichtet, wenn auch spartanisch. Aber das war genau nach unserem Geschmack. 

In der Herberge angekommen, legt man seinen Pilgerausweis vor und bekommt einen Stempel. Dann erklären die Herbergsleiter die „Regeln“. Das waren Dinge wie, wann gibt es Abendbrot, wo sind welche Räume, wann ist Abendruhe, bis wann muss man die Herberge verlassen haben usw. . Den Schlafsack ausgebreitet, hieß es erst einmal duschen gehen. Dann waren Organisatorische bzw. logistische Dinge angesagt, wir mussten planen wann wir wo, wie viel Essen brauchten und entsprechend einkaufen gehen. Das bedeutete, wir mussten wissen wo wir am nächsten Tag hingingen, ob es dort Einkaufs – und Kochmöglichkeiten gibt, und was wir unterwegs brauchten. 

War das erledigt, hieß es Wunden versorgen. Durch die Blasen nähten wir einen Faden, damit sie austrocknen konnten, diverse Druckstellen vom Rucksack wurden eingecremt. Nun kam es darauf an, in welchem Ort wir waren. Entweder liefen wir durch die Stadt und schauten uns ein paar Dinge an oder wir legten uns in den Garten der Herberge und lasen, dösten und planten die nächsten Etappen. Sonst unterhielten wir uns mit anderen Pilgern, kochten und aßen zusammen. Meist waren es Pilger, denen man beim Laufen bereits öfter begegnet war und schon einige Gespräche geführt hatte. So lernte man die Interessantesten Leute und diverse Lebensgeschichten kennen und erfuhr noch so manches über sich selbst . . .



Gibt es doch eine Antwort auf das Warum

Anna und ich liefen und liefen, lernten Leute kennen und erlebten viele schöne Momente. Doch immer wenn uns jemand die Frage stellte:“ Und, warum seit ihr hier?“ , schauten wir uns an und mussten zugeben, wir wussten es nicht! Doch gleich am ersten Tag waren wir einer Frau, die vor drei Monaten in der Schweiz startete, begegnet. Sie sagte uns 

damals:“ Wenn ihr den Weg zu Ende gegangen seid, wisst ihr warum!“. Darauf vertrauten wir einfach, wir dachten :" irgendwann wird ein DARUM kommen".

Nun und es kam ein Darum. Aber um das zu erklären, muss ich kurz weiter ausholen. 

Man sagt der Jakobsweg bestehe aus drei Teilen. Der erste Teil ist für den Körper: man hat Muskelkater, Blasen und  hier und da Wehwehchen. Der zweite Teil ist für den Geist: man läuft durch die Meseta, eine Gegend kilometerlangen Feldwegen,keinen Schatten, nichts zu sehen und keine Ablenkung. Man könnte „durchdrehen“, man redet mit sich selbst, fängt an zu singen und bekommt wahnwitzige Gedanken...  Der dritte Teil ist für die Seele: man erreicht Galicien, dort wird es wieder grün und man durchquert zauberhafte Wälder und Wiesen.Jetzt kann sich die Seele entspannen. 

Ich muss sagen, Anna und ich haben es sehr ähnlich empfunden. In der Zeit der Meseta, sind wir beide oft getrennt gelaufen und haben viel nachgedacht. Immer wenn wir uns dann zu unseren Pausen getroffen haben, hatten wir  schöne Gespräche über die Gedanken, die jeder von uns hatte. 

In unserem Pilgeralltag wechselten auch stetig die Gedanken und Gefühle zu dem Weg. Diese reichten von Liebe über Freundschaft und manchmal bis hin zu genervt sein und Missgunst. Doch das alles lag natürlich nicht an dem Weg, sondern an uns selbst. Aber in einer genervten Situation, braucht man immer einen Schuldigen ... und wenn es der Weg war! So wechselte  unser Gefühl ständig zwischen endlich ankommen wollen und Vorfreude auf den nächsten Lauftag. 

Hier wurde der Unterschied zwischen Wandern und Pilgern deutlich. Denn irgendwann ging es nicht mehr um das Laufen, sondern um die Menschen auf dem Weg, die Gefühle und Gedanken, die  Momente und Gespräche. Es fühlte sich nach so viel mehr an als einfach nur mal Wandern gehen.

Und irgendwann, kurz bevor wir Santiago de Compostela erreichten, hatten Anna und ich  das gleiche Gefühl. Wir wollten nicht mehr ankommen. Also ich meine damit nicht, dass wir nicht nach Hause wollten. aber es war uns egal ob wir den Zielort Santiago erreichen, oder direkt von dort aus, wo wir waren nach Hause gehen würden. Wir hatten diesen Satz:“ Der Weg ist das Ziel!“, tausendmal gehört. Aber jetzt fühlten wir es ... es war tatsächlich so. 

Dennoch war  das noch immer nicht die Antwort, warum wir das alles machten. Die ist äußert schwer für mich in Worte zu fassen. Und sicherlich ist es bei Anna eine andere Antwort als bei mir. Nun ich denke, ich bin diesen Weg gegangen um Abstand zu haben, um aus meinem Leben heraus zoomen zu können. Sicher muss nicht jeder dafür den Jakobsweg gehen, doch bei mir ist es nicht mehr wie vorher. Es war nicht, wie wenn man in den Urlaub fährt und  wiederkommt und alles ist wie immer. Ich habe eine andere Sicht auf mein Leben und auf mich selbst. Ich habe zum ersten mal das Gefühl, dass ICH mein Leben erschaffe und nicht einfach lernen muss mit den  Umständen, die kommen umzugehen. Ich achte mehr auf mich selbst und meinen Körper. Und lebe mehr im JETZT. Ich habe mich selbst oft vertröstet mit Ausreden wie: „Wenn ich mal mehr Geld habe, dann....!“ , usw.. Ich lebe jetzt und mache es mir jetzt schön und angenehm. Und ich streiche  das Wörtchen „muss“ aus meinem Leben! Ich kann alles machen was ich möchte, aber ich muss nichts! Sicher haben Entscheidungen, die man auf dieser Grundlage trifft, weitreichendere Konsequenzen, aber sie machen mich auch glücklicher!

Fragen, die mir häufig gestellt wurden

Würdest du es wieder tun? 

Auf jeden Fall, allerdings nicht den gleichen Weg. Ich glaube es wäre komisch zu wissen, welcher Berg als nächstes kommt. Das nächste mal nehmen wir vielleicht den Küstenweg.


Hattest du manchmal keine Lust mehr?

Ja, vor allem an den Tagen, wo es Anna und mir schlecht ging. Wir hatten das Essen einmal nicht vertragen. Aber abbrechen oder fahren wollten wir nie! 


Wie viel Geld hast du gebraucht?

Ich hatte 1000 Euro und wenn man nicht gerade immer die 10 Euro Herbergen nimmt und immer essen geht, ist das ausreichend. 



Wie viele Kilometer waren es insgesamt und wie viele habt Ihr am Tag zurückgelegt?

 Von St. Jean Pied de Port nach Santiago sind es 775 Kilometer. Im Durchschnitt waren wir täglich 20 bis 25 Kilometer unterwegs. Das Meiste an einem Tag waren einmal 30 Kilometer und das Wenigste waren drei - das war ein Ruhetag.


Hast du dich mit Anna gestritten?

Wir hatten nur "Fünf-Minuten-Mädchen-zickereien", was meistens an Unterzuckerung lag. Somit war die Sache oft mit einem Schokoriegel wieder gegessen ;-).


Wie lange hast du gebraucht?

Wir waren sechs Wochen unterwegs. Davon hielten wir uns drei Tage in Barcelona und drei Tage in Santiago de Compostela auf.


Wo hast du dort geschlafen?

Es gibt alle paar Kilometer Pilgerherbergen, in die man nur mit Pilgerausweis darf. Manchmal sind es mehrere Räume mit zwei bis zehn Doppelstockbetten oder es ist ein riesiger Raum mit neunzig Betten (was aber eher selten ist). Die Kosten liegen zwischen fünf und zehn Euro oder sind auf Spendenbasis.


Was würdest du das nächste mal anders machen?

Ich würde auf jeden Fall weniger Gepäck mit nehmen. Unsere Rucksäcke haben 14 Kilogramm gewogen, dass ist eigentlich viel zu viel. Man sollte nur so acht bis zehn Kilogramm haben. Wir haben viele Sachen nicht gebraucht.


War es sehr voll mit anderen Pilgern? 

Nein, lediglich die letzten einhundert Kilometer vor Santiago kamen viele "Touristenpilger". Weil es ab dieser Anzahl von gelaufenen Kilometern, die Pilgerurkunde gibt. Ansonsten ist man manchmal Kilometer lang alleine oder zu zweit. 


Hast du das Buch von Hape Kerkeling gelesen?

Anna hat es gelesen als wir dort waren. Und wir waren nicht so begeistert. Ich würde nicht empfehlen das Buch  zu lesen, wenn man den weg gehen will. Ich finde man bekommt Angst davor. Er ist häufig gefahren und nicht gelaufen und hat in Hotels übernachten und viel gejammert wie schwer es ist.Wir fanden es etwas übertrieben. Für mich wäre das kein „richtiges“ pilgern. Aber es war eben seine Art zu pilgern und ist somit auch in Ordnung. 

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Kommentare: 6
  • #1

    Michael Kämpf (Donnerstag, 04 August 2016 22:02)

    Seid ihr immer nur die Kommerzstrecken gegangen... oder habt ihr auch die vielen alternativen Strecken (z.B. Camino Duro oder Samos...) genutzt?

  • #2

    Sindy (Montag, 08 August 2016 16:46)

    Wir sind nicht immer den regulären Weg gegangen, gerade als es die lange Strecke an der Autobahn entlang ging. Wir haben uns dann oft für die landschaftlich schönere Alternative entschieden. Meist waren das ein paar Kilometer mehr und um einiges steiler, aber es lohnt sich auf jeden Fall.

  • #3

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